Shanghai Diaries: 5 Tage in der Zukunft – Ein Weckruf für Europa?

Published on 10. Dezember 2025 by Oliver Tiedemann

Bild der Shanghai Skyline

Letzte Woche war ich für eine Messe und Lieferantenbesuche in Shanghai. China fasziniert mich immer wieder, aber dieser Trip war anders. Nach fünf Tagen in dieser elektrisierenden Metropole kehre ich mit einer Mischung aus Staunen, Sorge um den Standort Deutschland und vielen neuen Eindrücken zurück.

Hier sind meine wichtigsten Erkenntnisse von meinem Trip.

1. Die deutsche Autoindustrie steht vor dem Aus

Wenn man durch Shanghai läuft, wird einem schnell klar: Die Ära der deutschen Dominanz ist vorbei. Das Straßenbild wird von Marken beherrscht, die hierzulande kaum jemand kennt – Li Auto, Xiaomi, Huawei, BYD. Diese Autos wirken wie aus der Zukunft: 500+ PS, riesige Touchscreens und jedes erdenkliche Feature, und das zum Preis eines kleinen Mittelklassewagens in Deutschland. Während wir noch über "Technologieoffenheit" diskutieren, sind Verbrenner dort längst ein Relikt für das Museum. Die Zukunft dort fährt elektrisch.

2. Autonomes Fahren ist bereits Realität

Das vielleicht beeindruckendste Erlebnis: Ich habe Pony AI ausprobiert, ein komplett fahrerloses Taxi. Es war keine Demo auf einer Teststrecke, sondern echter Verkehr. Das Auto fuhr perfekt, absolut sicher und stabil – ich hatte keinerlei Bedenken. Und dazu war es auch noch extrem günstig. Da fragt man sich: Wo sind diese selbstfahrenden Fahrzeuge in Europa?

3. Das Paradoxon der Lebenshaltungskosten

Shanghai gilt als teures Pflaster mit Luxus-Malls an jeder Ecke. Doch die "Überlebenskosten" – Transport, Essen, Unterkunft – sind im Vergleich zur EU extrem günstig.

  • Unterkunft: Ich wohnte in einem schicken Studio-Apartment mit top Frühstücksbuffet. Kostenpunkt für vier Tage: 240 €.

  • Essen: Ich habe meist in kleinen Straßenrestaurants gegessen, wo ein volles, leckeres Menü zwischen 2 und 8 € kostet.

  • Mobilität: Die Metro ist unschlagbar. Einfach Alipay-QR-Code scannen und für 0,20 € bis 0,70 € quer durch die Stadt fahren.

4. Service-Level: Next Generation

Wenn ich nicht die Metro oder das Robo-Taxi nahm, nutzte ich Didi (das chinesische Uber). Eine 30-minütige Fahrt kostete ca. 5 €. Aber das Erlebnis ist Premium: Die Autos sind blitzsauber, die Fahrer tragen Anzug und weiße Handschuhe.

Auch das Hochgeschwindigkeitszugnetz ist unfassbar. 10.000 Züge täglich, KI-gesteuerte Pünktlichkeit. Mein Highlight: Man scannt einen QR-Code am Sitzplatz, bestellt KFC oder McDonald's und das Essen wird am nächsten Bahnhof direkt an den Platz geliefert.

5. Bargeld gibt es nicht mehr

Alles läuft über Alipay oder WeChat. Ohne Smartphone ist man in China praktisch handlungsunfähig. QR-Codes dominieren das Leben.

6. Die unbequeme Wahrheit über die Arbeitsmoral

Hier wird der Unterschied zu Europa schmerzhaft deutlich. Während wir über die 35-Stunden-Woche debattieren, wird in China "gehustlet". 50 bis 60 Stunden pro Woche sind in vielen Firmen normal. Wenn ich meinen chinesischen Partnern von unseren Arbeitszeiten und 30 Urlaubstagen erzähle, sind sie nicht neidisch. Sie haben eher Mitleid mit der europäischen Wirtschaft, deren Abstieg sie als direkte Folge davon sehen.

7. Sicherheit vs. Freiheit

Dank flächendeckender Überwachungskameras gibt es praktisch keine Kriminalität. Man fühlt sich zu jeder Tageszeit sicher. Diese Sicherheit hat natürlich ihren Preis: Privatsphäre und Meinungsfreiheit sind, besonders bei politischen Themen, stark eingeschränkt.

Fazit

Würde ich dort leben wollen? Wahrscheinlich nicht. Ich schätze unsere westeuropäische Kultur und die Meinungsfreiheit sehr. Aber technologisch ist uns China 5 bis 10 Jahre voraus. Der Staat kümmert sich effizient um die Basisbedürfnisse, und alles funktioniert einfach. Dieser Trip war ein echter Realitätscheck.